Als zum ersten Mal Freunde aus Berlin uns in Udon Thani besuchten, freute ich mich riesig. Endlich konnte ich jemandem mein Leben zeigen statt es nur am Telefon zu beschreiben. Was ich nicht erwartet hatte: wie sehr ihr Besuch mir mein eigenes Leben wieder mit fremden Augen zeigte.
Plötzlich war alles wieder neu
Dinge, die für mich längst Alltag geworden waren, waren für sie spektakulär oder befremdlich. Die Hitze, gegen die ich mich kaum noch wehre, setzte ihnen schwer zu. Der Verkehr, den ich gar nicht mehr wahrnehme, machte sie nervös. Das Essen, das ich liebe, war ihnen manchmal zu scharf, zu fremd, zu undurchschaubar.
Ich sah meinen eigenen Anfang in ihnen. Die gleiche Überforderung, die gleichen kleinen Schocks, die gleiche Mischung aus Faszination und Verunsicherung. Es war, als würde ich 2018 von außen betrachten.
Was sie sahen und was sie nicht sahen
Sie sahen das Exotische, das Bunte, das Andere. Sie machten Fotos von Dingen, die für mich völlig normal sind. Und sie sahen auch das, was ich nicht mehr sehe: wie weit weg das hier von Berlin ist, wie sehr ich mich verändert habe, wie selbstverständlich ich mich in einer Welt bewege, die ihnen komplett fremd war.
Was sie nicht sehen konnten, war das, was den Ort für mich zum Zuhause macht. Die Beziehungen, die hinter jedem Gruß stecken. Die Geschichte mit Daos Familie. Die tausend kleinen Fäden, die mich hier verankern. Für sie war es eine faszinierende Reise. Für mich ist es das Leben.
Der Besuch hat mir gutgetan, auf eine unerwartete Weise. Er hat mir gezeigt, wie weit ich gekommen bin, nicht in Kilometern, sondern innerlich. Und er hat mir wieder bewusst gemacht, was an meinem Alltag besonders ist, gerade weil er für mich so normal geworden war. Manchmal braucht es einen Gast aus der alten Heimat, um die neue mit klaren Augen zu sehen.

von Michael