Wenn bei Daos Familie gegessen wird, geht es nie nur ums Essen. Das habe ich erst nach Jahren wirklich begriffen. Für mich war eine Mahlzeit lange einfach Nahrung mit Geschmack. Im Isaan ist sie ein soziales Ritual, das mehr über die Menschen erzählt als jedes Gespräch.
Geteilt wird alles, immer
In Deutschland hatte jeder seinen Teller. Hier steht alles in der Mitte, und jeder nimmt sich, was er mag. Diese eine Sache hat meinen Blick verändert. Essen ist gemeinsam, nicht aufgeteilt. Wer zuerst nimmt, wer wem nachlegt, wer das beste Stück bekommt, all das hat eine Bedeutung, die ich erst nach und nach gelesen habe.
Es wird auch nie nur für die gekocht, die da sind. Es ist immer etwas mehr, falls jemand vorbeikommt. Diese Selbstverständlichkeit von Gastfreundschaft steckt in jeder Mahlzeit. Niemand soll hungrig gehen, niemand wird abgewiesen.
Essen als Liebessprache
Dao zeigt ihre Zuneigung über Essen. Wenn sie mir etwas kocht, das sie weiß, dass ich es mag, sagt sie nicht viel, aber es ist eine Liebeserklärung. Ihre Mutter ist genauso. Ein gefüllter Teller ist hier oft mehr wert als ein langes Gespräch über Gefühle, das es in dieser Form ohnehin selten gibt.
Ich habe gelernt, das anzunehmen und zurückzugeben. Mitbringen, anbieten, mitkochen, auch wenn meine Versuche in der Isaan-Küche oft belächelt werden. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Geste.
Heute weiß ich: Wer im Isaan dazugehören will, muss am Tisch dazugehören. Nicht als Gast, der bedient wird, sondern als jemand, der teilt, aufträgt, anbietet. Essen ist hier die Bühne, auf der Familie stattfindet. Ich habe lange gebraucht, um das zu sehen, aber seit ich es sehe, schmeckt jede Mahlzeit bei Daos Familie nach mehr als nur nach Reis und Som Tam. Sie schmeckt nach Zugehörigkeit.

von Michael