Als ich nach Thailand zog, war ich ein Auswanderer. Das war meine Identität, mein Gesprächsthema, mein Selbstbild. Heute fühle ich mich kaum noch so. Ich bin weniger Auswanderer geworden und mehr einfach Bewohner dieses Landes, und dieser Wandel sagt viel darüber, was Ankommen wirklich bedeutet.
Auswanderer sein ist ein Übergang
In den ersten Jahren drehte sich vieles ums Auswandern selbst. Um Visum, um Anpassung, um das Fremde, um den Vergleich mit Deutschland. Ich war ständig dabei, anzukommen, und das war auch richtig so. Auswanderer zu sein ist ein Zustand des Übergangs, ein ständiges Verhandeln zwischen dem, woher man kommt, und dem, wo man ist.
In dieser Phase sucht man auch oft den Austausch mit anderen Auswanderern. Man teilt die Erfahrung des Fremdseins, man hilft sich mit praktischen Dingen, man fühlt sich verstanden. Das war für mich am Anfang wichtig und wertvoll.
Irgendwann ist der Übergang vorbei
Mit den Jahren ist dieser Übergang leiser geworden. Der Alltag ist Alltag, nicht mehr Abenteuer. Die Behörden sind Routine, nicht mehr Hürde. Die Familie ist Familie, nicht mehr fremde Kultur. Ich denke kaum noch in den Kategorien des Auswanderns, weil ich schlicht hier lebe, so wie andere auch.
Heute interessiert mich die Auswanderer-Identität immer weniger. Ich definiere mich nicht mehr darüber, dass ich aus Deutschland gekommen bin. Ich bin der Mann von Dao, der Nachbar, der Deutsche aus dem Dorf, ein ganz normaler Bewohner mit einem etwas ungewöhnlichen Akzent.
Das ist für mich das eigentliche Zeichen, dass ich angekommen bin. Nicht ein bestimmtes Visum, nicht ein bestimmtes Jahr, sondern der Moment, in dem das Auswandern aufhört, das Thema zu sein. Wer noch jeden Tag fühlt, dass er Auswanderer ist, ist mitten im Prozess. Wer es kaum noch merkt, ist durch. Ich bin, glaube ich, durch. Und das fühlt sich nicht spektakulär an, sondern einfach richtig.

von Michael