In Berlin kannte ich meine Nachbarn nicht. Ich wusste, dass es sie gab, ich grüßte vielleicht im Treppenhaus, aber ihre Namen kannte ich nicht. Das war normal und störte niemanden. Im Isaan ist Nachbarschaft etwas völlig anderes, und das musste ich erst lernen.
Hier ist man nicht anonym
Bei uns im Dorf weiß jeder, wer wir sind. Der Deutsche und Dao, das spricht sich herum. Anonymität gibt es nicht. Anfangs war mir das unangenehm. Ich war es gewohnt, mein Leben für mich zu haben, ungesehen zu kommen und zu gehen. Hier ist das nicht so. Man wird wahrgenommen, gegrüßt, eingeladen, gefragt.
Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass dieses Interesse keine Neugier im negativen Sinn ist, sondern der Kitt, der eine Gemeinschaft zusammenhält. Wer dich kennt, hilft dir auch. Wer dich grüßt, ist im Notfall da. Diese Rechnung geht im Isaan auf, anders als in der deutschen Anonymität.
Geben und Nehmen, ganz ohne Buchhaltung
Nachbarschaft hier funktioniert über ständiges, kleines Geben und Nehmen. Mal bringt jemand Obst vom eigenen Baum, mal hilft man beim Tragen, mal leiht man Werkzeug, mal passt jemand kurz auf etwas auf. Niemand rechnet auf, niemand führt Buch. Es gleicht sich über die Zeit aus, und genau das schafft Vertrauen.
Ich habe gelernt, mitzumachen statt mich abzugrenzen. Wenn der Nachbar etwas bringt, bringe ich beim nächsten Mal etwas zurück. Wenn jemand Hilfe braucht, helfe ich, auch wenn es mich Zeit kostet. Diese Gegenseitigkeit hat mich zu einem Teil des Dorfes gemacht, und das fühlt sich gut an.
Heute möchte ich die Anonymität von früher nicht zurück. Sie war bequem, aber sie war auch kalt. Im Isaan habe ich gelernt, dass Nachbarschaft Arbeit ist, kleine, ständige Arbeit, und dass sich diese Arbeit lohnt. Man gibt ein Stück Privatsphäre auf und bekommt dafür etwas, das viel mehr wert ist: das Gefühl, nicht allein zu sein.

von Michael