Als ich anfing, aus Thailand heraus zu arbeiten, dachte ich, ich hätte die Freiheit gefunden. Kein Büro, kein Chef im Nacken, kein fester Ort. Ich konnte arbeiten, wo ich wollte. Diese Vorstellung von Freiheit hat sich mit den Jahren ziemlich verändert.
Freiheit ist nicht das Fehlen von Struktur
Am Anfang habe ich die neue Ungebundenheit gefeiert und prompt missbraucht. Ich arbeitete zu jeder Tages- und Nachtzeit, machte keine Pausen, weil ich ja jederzeit konnte, und merkte irgendwann, dass die Grenze zwischen Arbeit und Leben komplett verschwunden war. Freiheit ohne Struktur ist keine Freiheit, sondern nur Chaos mit besserer Aussicht.
Ich musste mir selbst Regeln geben, die mir vorher andere gegeben hatten. Feste Arbeitszeiten, freie Abende, ein klarer Schlusspunkt. Erst dadurch wurde die Remote-Arbeit das, was ich mir erhofft hatte. Freiheit, habe ich gelernt, ist die Fähigkeit, sich selbst zu führen, nicht das Fehlen jeder Führung.
Frei sein heißt auch, weniger zu brauchen
Der zweite Teil meiner Erkenntnis hat mit dem Leben im Isaan zu tun. Hier sehe ich Menschen, die mit sehr wenig sehr zufrieden sind. Das hat meinen Begriff von Freiheit verschoben. Lange dachte ich, frei ist, wer viel verdient und sich viel leisten kann. Heute denke ich, frei ist eher, wer wenig braucht.
Weil unser Leben hier günstig ist, muss ich nicht jeden Auftrag annehmen, nicht jeden Kunden behalten, nicht endlos verdienen. Diese Wahlfreiheit ist mehr wert als jedes hohe Gehalt in Berlin, an dem ein teures Leben hing, das mich wieder zum Arbeiten zwang.
Remote-Arbeit hat mir also nicht einfach die Freiheit geschenkt, irgendwo zu sitzen. Sie hat mir, zusammen mit dem Leben im Isaan, eine ehrlichere Vorstellung davon gegeben, was Freiheit überhaupt ist. Nicht der Strand im Hintergrund, sondern die Kontrolle über meine Zeit und die Unabhängigkeit von einem Leben, das immer mehr verlangt. Das ist eine stille Freiheit, aber eine echte.

von Michael